Gebrauchte Diesel – Krise, Trend oder Konsolidierung?

Gebrauchte Diesel – Krise, Trend oder Konsolidierung?


Ein Thema wird derzeit sehr intensiv und kontrovers diskutiert: Die Zukunft des Dieselantriebs. Aus unserer Sicht insbesondere mit Blick auf Prognosen natürlich ein besonders spannendes aber auch herausforderndes Sujet.
Als Marktbeobachter mit 60 Jahren Erfahrung haben wir allerdings eines aus der Vergangenheit gelernt: Der Gebrauchtfahrzeugmarkt folgt vielfältigen und ganz eigenen Gesetzen und Einflüssen.

Unsere aktuellen Zahlen und Beobachtungen zeigen, dass sich Restwerte von Diesel- wie Benzinfahrzeugen segmentabhängig, markenbezogen, modellspezifisch und regional höchst unterschiedlich entwickeln.

Betrachtet man die Gesamt- bzw. Durchschnittszahlen sowie Vorjahresvergleiche von Neuzulassungen, Besitzumschreibungen, Standtagen, Angebotsmengen und Restwerten kann leicht der Eindruck entstehen, der Diesel habe aktuell gegenüber dem Benziner das Nachsehen. Erhöhte Standtage von Dieselfahrzeugen im Schnitt implizieren, dass die Gebrauchtwagenpreise weiter unter Druck stehen.

Betrachtet man aber beispielsweise die Diesel nach Segmenten, so gibt es welche, die im Vergleich zurzeit vor der Dieselthematik restwerttechnisch wachsen (Abb. 1) und sich im Vergleich zu den Benzinern behaupten (Abb. 2).

Abbildung 1: Diesel Restwertentwicklung nach Segmenten – Differenz in Prozentpunkten 06/2017 – 07/2015 (Quelle: Schwacke GmbH, Stand 05/2017)

Abbildung 2: Durchschnittliche Restwerte in % des Listenpreises – Vergleich Gesamtmarkt, Große SUV (Quelle: Schwacke GmbH, Stand 05/2017)

Noch komplexer wird es auf Marken- und Modellebene. Allerdings zeigen die Benziner insgesamt seit längerem eine Aufwärtsbewegung sowie schnellere Vermarktbarkeit – anders als die Diesel – durch nahezu alle Segmente (Abb. 3).

Abbildung 3: Benziner Restwertentwicklung nach Segmenten – Differenz in Prozentpunkten 06/2017 – 07/2015 (Quelle: Schwacke GmbH, Stand 05/2017)

Gründe für die derzeit stärkere Performance der gebrauchten Benziner lassen sich mehrere finden. Einer ist sicher der Volumendruck durch das steigende Angebot von jungen gebrauchten Dieseln, das aus dem wachsenden Flottenmarkt der vergangenen Jahre resultiert (siehe Abb. 4), und lebenszyklusbedingte Änderungen im Portfolio.

Abbildung 4: Marktdruck durch potenzielle Flottenrückläufer, Flottenzulassungen 3 Jahre vor Betrachtungszeitpunkt (Quelle: IHS Automotive MarketInsight)

Das nachlassende Interesse an Dieseln ist mit Blick auf die Zulassungen nach Segmenten kein neues Phänomen. Seit 2009 sind die Diesel Neuzulassungen an private Endkunden (inkl. der Handels- und Herstellerzulassungen) aller Segmente ohne SUVs bereits zurückgegangen (Abb. 5).

Abbildung 5: Diesel Neuzulassungen nach Fahrzeugsegmenten Vertriebskanäle Privat, Handel und Hersteller (Quelle: IHS Automotive MarketInsight)

Die Benziner hingegen haben – auch ohne SUVs ab 2012 bereits bei dieser Kundengruppe zugelegt und zusätzlich vom SUV-Boom profitiert (Abb. 6).

Benzin Neuzulassungen nach Fahrzeugsegmenten Vertriebskanäle Privat, Handel und Hersteller (Quelle: IHS Automotive MarketInsight)

Insofern müssen wir im Sinne einer möglichst differenzierten Betrachtung sagen: Aus Gebrauchtwagensicht lohnt sich der Blick in die Tiefe der Modelle und Segmente, eine allgemeingültige Aussage ist nicht zu treffen.

Hinzu kommt, dass die vor dem Frühjahr 2017 geführte Diskussion zur Dieselthematik, mit dem jetzt aktuellen Thema „Fahrverbote“ nicht zu vergleichen war. Bis dahin waren kaum bis wenig Einschränkungen oder Nachteile in der täglichen Nutzung der Fahrzeuge zu erwarten.

Mittlerweile sind jedoch – zunächst regionale und zeitlich begrenzte – Nutzungseinschränkungen angekündigt, die für bestimmte Fahrer auch tatsächlich wirksam werden. Die für 2018 getroffene Entscheidung in Stuttgart verleiht der Diskussion um den Diesel und seine Zukunftschancen daher neue Brisanz. Die Bevölkerung scheint durch die breite Berichterstattung und stetig neue juristische Themen stark involviert und teils verunsichert. Es entsteht also ein zusätzlicher negativer Aspekt in der Beurteilung potenzieller Neu- und Gebrauchtwagenkaufentscheidungen.

Zu beachten ist aber aus unserer Sicht, dass mögliche Effekte auf den Wiederverkauf und deren Ausmaß stark davon abhängen, ob das Beispiel Stuttgart in weiteren Ballungsräumen Schule macht und eine Art „kritische Masse“ erreicht, oder gar eine bundesweite Regelung z.B. zur blauen Plakette in Betracht gezogen wird
Die unterschiedlichen und teils unübersichtlichen Beweggründe wie Feinstaub, NOx-Belastung und CO2-Emissionen sowie die daraus resultierenden betroffenen Fahrzeuggruppen, tun ihr übriges und erschweren eine Versachlichung der Debatte. In puncto Preisentwicklung sehen wir aus dem einzelnen Faktor Fahrverbot aber aktuell allenfalls lokale und sehr begrenzte Auswirkungen.

Was also aktuell beobachtbar ist, ist ein Trend zum Benziner, der sich verstärken kann, wenn weitere äußere Faktoren, insbesondere staatliche Eingriffe und Strategiewechsel der Hersteller hinzukommen.
Vergessen darf man allerdings auch nicht, dass Dieselmotoren in der Regel – unabhängig von der Messmethode – gegenüber Benzinern die bessere CO2-Effzienz aufweisen und somit für ein Erreichen der CO2-Flottenziele 2020 vermutlich notwendig sein werden. Das Gros der alternativen Modelloffensive haben die Hersteller ja erst für 2020 bis 2025 angekündigt.

Der Diesel wird die Branche daher wohl noch eine Weile beschäftigen, vermutlich aber ohne äußere Einflüsse nicht allzu bald drastisch an Berechtigung und Wert verlieren.

 


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